Sonntagsspaziergang

(Fingerübung, für sie)


Boah, das Brett war viel zu dünn und die Grube ist eindeutig zu tief. Jetzt liegt sie drin. Bewegt sich aber recht hektisch, scheint sich nicht verletzt zu haben. Zieht Schmollmündchen und guckt ein wenig verdattert. Dann ist es ja gut. Muss ich mich erst mal hinsetzen, so an den Rand, die Füße baumeln lassen. Entspannt. Kommt sie aber nicht ran, nicht mal gestreckt und auf Zehnspitzen.

„Kannst du mich jetzt endlich mal raus holen!“

Was für ein Ton. Für die Jahreszeit ist die Sonne gegen Abend noch recht warm. Ich strecke ihr mit geschlossenen Augen mein Gesicht entgegen. 

„Hallo! Machst du jetzt mal was!“

Der Boden ist ein wenig feucht vom letzten Frühlingsregen. Aber es sprießt schon alles sehr lebendig. Es krabbelt sogar schon recht munter.

„Du, Schatzi, hier gibt es schon ganz viele Käfer. Asseln? Ne, eher Ohrenkriecher. Und da, schau mal, wenn ich ein wenig in der Erde grabe, da sind auch Regenwürmer. Wie süß, richtig dick sind die schon.“

Ich wühle mit der rechten Hand und zieh zwei, drei von den Dingelchen in die Länge. Darum wächst hier alles so gut, die Erde ist bestens durchlüftet.

„Guck, Liebes, sowas brauchen wir unbedingt auch in unserem Garten. Das spart eine Menge Arbeit. Die kann man lebend kaufen und aussetzen. Ich denke, das sollten wir mal tun.“

„Spinnst du. Du kannst die doch nicht einfach hier runter werfen!“

Jetzt kreischt sie aber. Viel zu hoch. Sie weiß doch, dass ich das nicht ausstehen kann. Wie oft habe ich ihr das schon gesagt? Sie kapiert es einfach nicht. Ärgerlich. 

„Hol mich jetzt endlich hier raus, du blöde Kuh!“

Oh. So schrill. Das schmerzt. So hinter den Augen. 

„Liebes, der Spaziergang, so weit ab von der Straße, durch all dieses Gestrüpp, hat mich ein wenig erschöpft. Ich denk, ich fahre nach Hause und lege mich für einen Moment hin. Mach dir keine Sorgen um mich, es geht mir bestimmt in ein paar Stündchen besser und dann sag ich dem Gerd von nebenan Bescheid, der kann mit der Leiter kommen. Falls er die nicht verliehen hat. Ach, wir bekommen das schon hin, mein Liebling.“

„Hey! Bleib hier! Hol mich hier raus!“

„Moment, warte Schatz. Hier ist noch ein Stöckchen, falls außer all den Krabbeltieren noch ein paar Ratten oder Mäuse auftauchen. Ja ja, die mögen die Dämmerung. Dann sind die lieben Viecherl wie verrückt auf Nahrungssuche. Besonders jetzt im Frühling. Die Aufzucht, du weißt schon. Ein hartes Geschäft. Da nimmt man, was man kriegen kann. Du bist so süß, wenn du so guckst, Schnuffelchen. Hab dich lieb. Bis später dann.“

Kusshändchen werfend umarme ich sie mit meinem liebenden Blick und schlag mich mit viel Geräusch in die Büsche.



Der Himmel ist ganz klar in dieser Nacht. Auf dem Rücken liegend folgen meine Augen dem Lauf der Sterne. Ab und zu tauchen die Lichter eines Flugzeuges auf. Meine Gedanken plätschern. Die Decke habe ich mir aus dem Auto geholt und sie leise ein paar Meter entfernt von der Grube ausgebreitet. Das Schrillen hinter der Stirn hat nachgelassen. Das nur noch leise Weinen von unten umspült mich sanft. Ich spüre tiefe Zärtlichkeiten in mir.

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