Tanzen


Sie sitzt jetzt schon eine halbe Stunde hier, hält sich an ihrem Glas fest und schaut nur zu. Vier, fünf Leute vorne auf der Tanzfläche. Langweilig, wenig inspirierend, die immer gleichen Bewegungen, egal, welcher Song gerade läuft. Nein, kein Funke bis jetzt. Sie will gehen. Heute ist nicht ihr Tag. Ihr Körper fühlt sich steif, angespannt, verspannt an. Niemand zuhause gerade in ihm. Sie drückt die Zigarette aus, beugt sich nach vorne. Ihr Fuß beginnt, von selbst zu wippen.
»Komm!«
Sie hat ihn schon ein paar Mal hier gesehen. Augenkontakt. Sein Lächeln, groß, Augen wie die Nacht. Er geht zur Tanzfläche. Leichte, ungebrochene Bewegungen. Seine Hände, offen, nach oben gedreht, seine Finger schnell flatternd:
»Komm!«
Sie steht auf, streckt sich. Geht langsam in seine Richtung. Steht ruhig vor ihm, schließt die Augen und lässt die Musik in sich eindringen.
Sachte beginnt ihr Körper zu schwingen. Ihre Hände gleiten leicht gespreizt, Abstand haltend, an ihren Beinen bis zur Hüfte entlang, zur Seite, nach hinten. Der Rhythmus wechselt.
Sie lacht: Der Typ oben macht es immer wieder. Egal, welches Programm angesagt ist, unweigerlich kommt dieser Song, sobald sie die Tanzfläche betritt.
Sie öffnet die Augen. Er ist ihr ganz nahe, umkreist sie. Wissend: Fasst er sie an, ist er raus aus dem Spiel! Passt sich ihren Bewegungen an. Ihre Blicke treffen sich, halten Kontakt.
Spannung, Funken. Sie gleiten um einander. Schneller, näher. Keine Berührung. Ihr Mund öffnet sich leicht. Sie schließt erneut die Augen. Spürt das Energiefeld, das sich zwischen ihnen aufbaut. Folgt nun seinen nur erahnten Bewegungen. Muss ihn nicht sehen. Ihr Kopf schaltet sich aus. Nur die Musik und seine Führung. Immer schneller, härter wird der Rhythmus. Sie spürt seinen Atem im Nacken, seine Erregung.
Keine Berührung. Langsam, ganz langsam fällt alle Anspannung von ihr ab. Ihr Körper erwacht, und der Tanz verändert sich. Jetzt bestimmt sie das Gleiten und umeinander Fließen, reizt, lockt, entzieht sich, kommt ganz nah.
Sie ist erhitzt, und die ersten Schweißperlen rinnen über ihren Rücken. Sie steht ganz still und öffnet die Augen. Er steht vor ihr, lächelt sie an, neigt den Kopf, ein leises »Dank dir!« und verschwindet. Ein wenig später sieht sie ihn mit einer jungen Frau tanzen, baggern. Ein Zwinkern von ihm und ein Lachen von ihr. Sie tanzt nun, ohne Pause. Für sich. Spürt ihren Körper: nass, atemlos, gelöst, ist tief in sich bewohnt. 

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