Fleischeslust

Sie hatte Hunger. Hunger auf Fleisch. Richtiges Fleisch. Dieses Fleisch mit dem ganz besonderen Geschmack, das sie zum ersten Mal im Hause ihres Mannes gekostet hatte. Fleisch, in das sie ihre Zähne schlagen könnte, das Zerren, Mahlen, Zerkleinern spürend. Seit wie lange lebte sie jetzt schon von diesem pappigen, breiartigen Zeugs, das sie jeden Tag einmal durch den Türschlitz geschoben bekam? Kein Geruch, keine Substanz, kein Geschmack. Sie stellte sich vor, dass Astronautennahrung so schmecken müsse. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren. Sie nahm an, dass sie sich immer noch im Kloster befand. Allerdings fehlten ihr einige Erinnerungen. Nur dunkle Löcher in ihrem Gedächtnis. Diese machten ihr mehr Angst, als die geschlossene Tür ihr gegenüber oder Charles, der ab und an den Raum hier mit ihr teilte.

Charles, ihr Liebhaber, mit dem sie sich wie schon so oft heimlich im Klosterhof in der Nähe ihres Hauses getroffen hatte. Charles, der so ganz anders war als all die Männer, die bisher in ihrem Leben eine Rolle spielten. Groß, breitschultrig, durchtrainiert und beunruhigend erregend in seinen Wünschen.

Braungebrannt stand er damals vor ihrer Haustür, einen großen, vollen Plastiksack locker in der einen, den Zettel ihres Mannes mit der Bestellung des exklusiven Frischfleisches in der anderen Hand.

Sie beobachtete ihn durch das Kellerfenster beim Füllen der Gefriertruhe und irgendwann saß er ihr in der Küche gegenüber am Tisch und plauderte unbeschwert und mit dieser ihm zugehörigen rauen Stimme über Nichtiges. Als sie ihm eine zweite Tasse Kaffee einschenkte, glitt seine Hand beiläufig über die ihre. Keine halbe Stunde später lag sie schwitzend und keuchend nach Atem ringend in seinen Armen und in ihrem fast noch jungfräulichen Ehebett.

Seit diesem Tag trafen sie sich öfters im Hof des alten unbewohnten Klosters auf der anderen Seite des Dorfweihers. Wenn er für sie Gartenarbeiten oder sonstige Kleinigkeiten zu erledigen hatte, fand sie unregelmäßig unter der Teppichkante im Flur einen Schnuller. Das verabredete Zeichen, sich zu einer bestimmten Uhrzeit mit ihm zu treffen. Den genauen, von Charles gewünschten Zeitpunkt entnahm sie der Farbe. Rosa hieß in der Zeit vor dem Abendessen; blau bedeutete nach Mitternacht. Ein unverfängliches Nachrichtensystem, da die kleine Stieftochter ihre Schnuller immer im ganzen Haus verteilte.

Irgendwann in den letzten Tagen war der Schnuller blau gewesen und sie wartete mitten in der Nacht dort draußen auf ihn. Daran erinnerte sie sich. Sie stand rauchend neben ihrem Auto und bückte sich um die Ferse ihrer Strümpfe gerade zu ziehen. Seine Hand dann auf ihrem Rücken. Ab diesem Moment verwischte es sich. Sie fand sich nackt und leicht frierend in dieser abgeschlossenen Kammer auf einer Steinliege wieder. Es gab hier nur ein kleines, ritzartiges Fensterchen oben an der hinteren Wand. Der Raum roch muffig, obwohl Boden und Wände trocken waren. Sie konnte sich frei bewegen, die Tür jedoch blieb fast immer geschlossen. Nur ab und zu öffnete sich der Schlitz ganz unten an dieser und es wurde eine Holzschüssel mit dem breiartigen Zeugs hindurch geschoben. Die angesammelten Schüsseln nahm Charles dann wieder mit nach draußen.

Charles, der ab und an diesen Raum betrat. Nackt wie sie, kam er herein. Ohne auf ihre Fragen, ihr Weinen, Schreien und Toben zu reagieren, schlang er jedes Mal seine Arme um sie und hielt sie für eine lange Weile einfach nur umschlossen. Wenn sie erschöpft und atemlos war, hob er sie auf die Liege und streichelte zärtlich sanft ihren Körper. Niemals sprach er dabei mit ihr. Nur manchmal, wenn sie sich gar zu sehr in seinen Armen wehrte, dann summte er leise eine beruhigende Melodie ganz nah an ihrem Ohr.

Nach ihrem Gefühl war der letzte dieser seltsam verwirrenden Besuche schon zu lange her. Und obwohl sie den Sinn seiner meist stillen, aber immer gleichen Anwesenheit nicht verstand, sehnte sie sich mittlerweile doch nach ihr. Jedes Mal, wenn der Türschlitz sich zur Essensgabe öffnete, bat und bettelte sie nun um seinen Besuch. Und ihre Sehnsucht erfüllte sich.

Charles betrat den Raum. Nackt stand er vor ihr, eine Handkreissäge locker in der einen, den Zettel ihres Mannes mit der Bestellung des exklusiven Frischfleisches in der anderen Hand.

Durch den weißen Schnuller im Mund kaum verständlich nuschelte er: „Es ist Zeit, Liebes, die Tiefkühltruhe bei euch zu Hause ist wieder leer.“

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