Entwürfe

Er kannte sie alle, die großen, reichen, schönen Damen der Glitzerwelt. Doch diese Frau da vor ihm war anders. Er hängte sich das Messband, mit dem er am Kleid der neuesten Kollektion herum gewerkelt und nachgemessen hatte, um den Hals und betrat den Verkaufsraum.
Mit einem leichten Schnippen seiner Finger wies er das Personal an, die Räumlichkeiten auf leisen Sohlen zu verlassen. Seine Mitarbeiterinnen waren perfekt erzogen.
»Madame!«, begrüßte er die junge Frau mit einem formvollendeten Handkuss, »ganz zu ihren Diensten.«
»Ich suche für einen ganz besonderen Anlass ein kleines Kleid. Unauffällig, einfach, mit klarem Schnitt.«
Lange schaute er sie an. Versenkte sich in die Form ihres Körpers, sein Blick streichelte die schwarze Flut ihrer Haare und tauchte hinab in das Tief ihrer seltsamen Augen, die ihn an die Farben des Meeresgrundes erinnerten.
»Ich habe etwas für sie, etwas ganz Besonderes!«
Er verschwand für einige Minuten in einem angrenzenden Raum und kam mit einem Kleid aus weichem Stoff zurück. In der hellen Farbe des aufgehenden Mondes.
Sanft, ganz sanft half er ihr beim Ausziehen und dem Überstreifen. Sie sah wunderschön aus.
»Wie teuer?«, fragte sie leise.
»Der Preis ist immer der gleiche und wird sofort bei Lieferung fällig.«
Ergeben nickte sie und folgte ihm in eine der abseits liegenden Umkleidekabinen, die besonders großzügig geschnitten war. Dort zog sie sich gänzlich aus, und er band ihre Hände nach oben mit dem Messband zusammen und befestigte dieses an einer Kette, die in der Mitte des Raumes von der Decke herabhing. Seine Hände glitten über ihren Körper, zart, streichelnd, und sie schloss die Augen.
Er tauchte seine Hände abwechselnd in die auf einem Tisch in der Ecke stehenden Gläser mit unterschiedlichen Konfitüren und Marmeladen und verteilte diese auf ihrem unbefleckten Körper. Keine Stelle ließ er aus. Wie ein Maler versank er in seinem Kunstwerk. Er bedeckte ihre Haut Schicht für Schicht mit all dem glibbrigen Zeugs.
Als er zufrieden war, setzte er sich auf den Stuhl und betrachtete sie eine lange Weile, griff dann zu einer kleinen Glocke auf dem Tisch, und auf das Zeichen hin erschienen drei seiner Mitarbeiterinnen, nun ebenfalls nackt. Sie begannen, sich der Frau mit ihren Lippen und Zungen zu nähern, und nach unendlich langer Zeit, war deren Körper gesäubert.
Während all dieser Zeit, schaute er nur hin und wieder dem Treiben zu. Fieberhaft zeichnete er einen Entwurf nach dem anderen. Dies war seine Art der Inspiration. Seine besondere Form der Lust, die ihn befähigte, einer der besten und einzigartigsten Modeschöpfer in diesem Jahrhundert zu sein.
Am Schluss reichte er dem nun einigermaßen sauberen und angezogenen Wesen vor ihm das inzwischen eingepackte Kleid, begleitete sie zur Tür und verabschiedete sich mit den Worten: 
»Ich komme etwas später zu dem Ball heute Abend, Liebes. Du musst nicht zuhause auf mich warten. Wir treffen uns dort.«

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