Dreier

Ich erzähl dir eine Geschichte, mein Freund. Meine Geschichte. Sie hat keinen Schluss. Darum erzähl ich sie dir.
Vor einigen Jahren lernte ich eine Frau kennen. Übers Internet. Ich hatte Sie schon eine Weile beobachtet, virtuell, aus der Ferne, nebenbei. Sowohl aufgrund Ihrer Schreiberei in den einschlägigen Foren als auch von Ihrer HP her vermutete, ahnte, ich, dass ich nicht so ganz Ihr Typ sein würde, und hielt mich fern von Ihr. Sie gefiel mir aber sehr. Ihre Arroganz und Überheblichkeit, Ihre sinnliche Ausstrahlung, Ihre eloquenten Angebereien, Ihre Großkotzigkeit und Ihre sprachlichen Albernheiten in den Chatrooms zogen mich immer wieder lesend in Ihre Nähe
Dann ergab es sich, per Zufall, dass wir ins Gespräch kamen, telefonisch. Und Sie gefiel mir noch besser. Ihre Stimme war bezaubernd im wahrsten Sinne des Wortes, Ihre Anweisungen zeugten von Erfahrung, und Ihr Rumgezicke amüsierte mich. Kurzum, ich verliebte mich mit Haut und Haaren in dieses Weib. Nach einigem Hin und Her und der Mitteilung, dass Sie noch einen anderen Sub hätte, trafen wir uns endlich real und Sie mich mitten ins Herz.
Zum ersten Mal lebte ich meine sinnlichen Neigungen unter Ihrer konsequenten Anleitung und zu Ihrem und meinem Vergnügen ziemlich grenzenlos aus. Ich fühlte mich stark, sinnlich, ganz und gar männlich halt.
Es war so, als würden wir uns schon seit einigen Leben kennen, und immer öfter brauchten wir keine Worte, um uns zu verstehen. Es war perfekt, und Ihr aktives Schauen nach anderen männlichen Subs nahm ich nur am Rande und als mich nicht betreffend wahr. Ich wurde Ihr Eigentum und Ihr Geliebter.
Es ergab sich, dass Sie dann zu mir zog, und langsam, langsam wurden wir immer mehr ein Paar. Sicher, es gab DS und SM und Sex und all das, aber es gab auch Alltag und gemeinsames Arbeiten. Sie begann mich immer mehr zu lieben, und ich liebte Sie ja eh.
So ging das fast ein Jahr, dann fing Sie an, sich aktiver nach anderen Männern in der Szene umzusehen. Immer öfters hatten wir männlichen Besuch zu hause. Sie erwartete, dass ich dies als Ihr Eigentum einfach so hinnahm. Bei manchen Männern war dies nicht so schwer, bei andern ging es gar nicht, und bei wenigen klappte es sogar ab und an zu dritt. Sie genoss es, uns Männern bei unseren Sinnlichkeiten zuzuschauen und sich ab und an aktiv einzuklinken.
Doch einige dieser Männer gingen durch unsere Wohnung und unser Leben, als gäbe es mich gar nicht. Sie schliefen in unserem Bett, Madame immer in der Mitte; sie aßen an unserem Tisch und wurden von Ihr gefickt, gehätschelt und bespielt, ganz nach Ihrer Lust und Laune.
Dann kam der Umzug in ein größeres Haus. Sie gestand mir eine weibliche Sub zu, zum Plaudern und Spielen und holte sich direkt einen anderen Kerl mit ins neue Haus. Leider interessierte mich keine andere Frau, und so konnte ich mich auf »meine« Sub nicht einlassen, und nach einigen Monaten wurde die DS dort wieder aufgelöst. Ich konnte mir Sex und Sinnlichkeiten nur mit Madame, oder, wenn schon mit einer anderen Frau, nur in Ihrer Anwesenheit vorstellen. Das allerdings war nicht Ihr Kick. Sie fand das Spiel von Frau und Mann miteinander eher abtörnend, denn erregend.
Madame jedoch amüsierte sich köstlich, sowohl virtuell als auch real, mit anderen Männern. Ich bekam immer weniger von Ihr, weniger Zeit, weniger Aufmerksamkeiten, weniger Sex und kaum noch SM.
Wenn ich versuchte, mit Ihr darüber zu sprechen, dann nannte Sie mich eifersüchtig oder kam mit Argumenten von schwindender Libido bei Ihr von wegen des Alters und so. Sie versuchte, mich zu überzeugen, dass Sex und Liebe bei Frauen getrennt und überhaupt ganz anders seien und dass das eine mit dem anderen so gar nix zu tun hätte und Sie nur mich wirklich und wahrhaftig lieben würde.
So ging das eine ganze Weile, die Kerle kamen und gingen, kamen und gingen. Ich verhungerte und hielt mich fest an Ihren Worten von Liebe und der Einmaligkeit unserer Beziehung. Sehnte mich nach Ihren Händen, Ihrer Zunge an meinem Schwanz, nach dem süßen Schmerz Ihrer Peitsche. Begehrte Sie umso mehr, je lauter das Fickgeschreie und Schmerzgestöhne der anderen Männer aus Ihrem Spielzimmer drangen.
Meine eigene Männlichkeit ging so langsam den Bach runter und verschwand hinter arbeiten, putzen, dienen. Und doch liebte und begehrte ich Sie noch immer.
Dann tauchte plötzlich ein völlig anderes Kaliber von Mann im Haus auf. Groß, muskulös, langhaarig, ausgestattet wie ein Pferd, Smalltalk fähig und mit göttlichen Kochkünsten gesegnet. Ein Vorzeigeexemplar von Kerl halt. Und devot, zumindest in akzeptablem Maße.
Madame verliebte sich in ihn, von jetzt auf gleich, ohne ein Zögern und absolut zweifelsfrei. Und seitdem steht unsere Welt total auf dem Kopf, mein Freund.
Ich bin devot und maso, aber ich bin auch ein Mann. Der Kerl schläft mit schöner Regelmäßigkeit bei Madame im Haus. Er fickt Sie mit Ausdauer, und Sie bespielt ihn mit ebensolcher. Ihre Lust durchdringt alle Mauern. Anschließend wuselt er durch unsere Küche. Er ist immer um Sie herum und kümmert sich rührend und aufmerksam um Sie. Er ist ganz und gar auf Sie konzentriert, hat viel Freizeit und keine großen eigenen Termine neben den Ihren.
Und Madame? Sie strahlt und blüht auf, ist lebendig, aufgedreht und lachend, wenn er da ist. Im Wohnzimmer streichelt er den ganzen Abend auf der Couch Ihre Füßchen, dann gibt es Küsschen hier, Häppchen da. Fußbad und Massagen. Madame geht auch wieder aus, mit Ihm, und sonnt sich in den neidischen Blicken der anderen Frauen. Ist er für ein paar Tage weg, dann wird Sie kränklich, nervös, unleidlich. Schmerzen hier und da, und aufstehen geht so gar nicht mehr.
Er ist immer anwesend, auch wenn er weg ist. Und dann gibt es ja noch den PC. Da plaudert Sie mit ihm, auch wenn Sie mir gerade gesagt hat, dass Ihr eigentlich jetzt nicht nach Reden sei.
Ihre gesamte Sinnlichkeit ist fokussiert auf diesen Kerl von einem Mann.
Will ich über mich sprechen, über meine Sehnsucht, mein Begehren, unsere Beziehung, dann wiegelt Sie ab mit: »Och, ich versteh die Männer nicht! Ich bin doch deine Frau und Partnerin und ich liebe dich! Sei doch nicht immer so egoistisch, denk doch auch mal an mich! Ich lieb ihn doch nicht so wie dich, ich begehre ihn doch nur. Ist doch nur Sex. Bist du etwa eifersüchtig? Mein Gott, kannst du es nicht einmal aushalten, dass es mir gut geht? Soll ich ihn etwa wegschicken, nur weil du so kindisch bist?«
Sagt es und macht den Fernseher an.
Wie kann es Ihr gut gehen, wenn ich neben Ihr verhungere? Wie kann ich Ihr meine Liebe zeigen, mein Freund, wenn der Platz neben Ihr und zu Ihren Füßen ständig von diesem Adonis besetzt ist? Wo ist mein Platz? Wer und was bin ich für Sie? Ein Mann? Ihr Mann? Bin ich ein Mann? Was für ein Mann bin ich denn?

Danke, dass du mir zugehört hast, mein Freund.

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