Ätzend


Sie kniete vor IHR. Nackt, bis auf die Bänder. Beine gespreizt, Kopf gesenkt, Mund leicht geöffnet, Augen verbunden. Die zitternden Hände rutschten immer wieder von den Schenkeln. Sie spürte IHREN Blick. Schweigend. Anklagend. Kalt. Kälter.
Jedes Zeitgefühl war ihr schon lange abhandengekommen. Das Zittern in ihr breitete sich aus.
Ihre Unterlippe bebte.
»Wir hatten eine klare Abmachung! Ein Fehler von dir in diesem einen Punkt und es ist vorbei.«
»Aber!«
»Schweig!«, kam es leise, gefährlich leise von IHR.
»Ich habe mich getäuscht in dir. Du bist einfach nur unfähig. Dreck. Ein Stück Fleisch ohne Verstand. Ein mieses Scheißerle, das sich wichtigmachen wollte. Du widerst mich an. Nein, eigentlich nicht mal mehr das.«
SIE war ätzend in dieser kalten Sanftheit. Jedes Wort traf. Punktgenau. Schweißfördernd. Schamtreibend.
»Ich mag dich nicht mehr sehen, riechen, schmecken. Du langweilst mich mit deinen Unfähigkeiten. Du bist es nicht wert, dass man sich mit dir abgibt. Ein zufälliges Blinzeln in deine Richtung ist schon zu viel der Beachtung.«
Sie konnte die Tränen nun nicht mehr zurück halten.
»Hör mit dieser Heulerei auf! Das ist ja eklig. Oh Gott, bist du widerlich! Steh auf! Leg die Hände auf den Rücken! «
Die Haken klickten ein. SIE legte ihr den Umhang um. Die Leine.
»Da du meine Aufmerksamkeit mit Füßen getreten hast, werde ich dich nicht länger bei mir dulden. Keine Minute mehr. Du erinnerst dich an den brutalen Kerl, der sich letztens bei Clara so aufgespielt hat? Nun, er ist so gnädig, dich bei ihm aufzunehmen. Du wirst ihm ein wenig die Zeit vertreiben. Er holt dich gleich ab. Deine Sachen werden später rüber gebracht werden.«
Langsam sickerten die Worte in ihren Verstand und rissen ihren Kopf nach oben. Sie schnappte nach Luft. Das! würde SIE nicht wagen. Das! würde SIE ihr nicht antun. SIE wusste um ihren Ekel vor jeder männlichen Berührung. SIE wusste um dieses eine, einzige, unverbrüchliche Tabu. SIE wusste es!
»Nein, nein, nein! Bitte, bitte! Nein!«
Zurückweichen. Stolpern. Die Leine ließ ihr kaum Spielraum.
»Hör auf! Schweig!«
Sie sackte innerlich zusammen und richtete sich auf. Wie immer bei diesem einen, bestimmten Ton in IHRER Stimme. Das Programm in ihr lief. Absoluter Gehorsam. Es gab nichts in ihr, was sie dem entgegen zu setzen hätte. Nicht mal die immer schneller kreisende Angst konnte dies durchbrechen. Gehorsam und Angst. Angst und Gehorsam. Grellroter Tanz in ihr. Alle Sinne überflutend. Es klingelte, Schritte im Flur, Gemurmel. Jemand betrat das Zimmer.
»Ach, da ist ja die kleine Schlampe! Ich will sie mir ansehen, jetzt!«
Die Stimme klang rau und hart. Ihr Umhang wurde gelöst. Fremde, kalte Hände glitten leicht über ihren Körper. Männliche Hände. Brutale Hände. Die Berührungen schmerzten, bissen sich in ihr Fleisch und ihre Seele.
Sie schrie. Schrie. Schrie. Fiel. Und fand sich in IHREN Armen wieder. Ihr Kopf gebettet an IHREN warmen, weichen Brüsten. Bedeckt von IHREN zärtlichen Küssen. Gestreichelt, gehalten.
Jemand betrat das Zimmer.
»Der Tee ist gleich fertig, ihr Süßen. Die große Kanne, die Nacht wird ja sicher noch lang.«
Clara hatte schon immer diesen rauen, etwas herben Klang in ihrer Stimme. IHR leises Lachen ergoss sich perlend über ihr.

»Du solltest endlich anfangen, mir zu vertrauen, Liebes!«

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